„Das Land ist groß genug für uns alle“ – Bischof Azar wirbt für Dialog und Menschlichkeit

- 22.10.2025 - 

Synode der evangelischen Landeskirche beschäftigt sich am Themenabend mit dem „Dialogweg Israel-Palästina“

Bad Herrenalb/Karlsruhe (22.10.2025). Beim Themenabend „Dialogweg Israel-Palästina“ der badischen Landessynode am Dienstag in Bad Herrenalb sprach Bischof Sani Ibrahim Azar eindringlich über die schwierige Lage der Christen im Nahen Osten. Dabei rief der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land zu Versöhnung und gegenseitigem Verständnis auf. Gemeinsam mit Heike Springhart, Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, und Peter Birkhofer, Weihbischof der Erzdiözese Freiburg, betonte er die Bedeutung von Dialog, Solidarität und dem Einsatz für Menschenwürde und Religionsfreiheit – über konfessionelle Grenzen hinweg. 

Herbsttagung der Landessynode
OKR Wolfgang Schmidt mit Bischof Sani Ibrahim Azar 

Quelle: ekiba / Ulli Naefken - eingebettet von www.ekiba.de

„Es hat lange gebraucht, bis der Waffenstillstand gekommen ist. Ich hoffe, dass der Krieg jetzt zu Ende ist. Viele Palästinenser sind schuldig, viele Israelis sind schuldig. Das hilft uns aber nicht weiter. Menschen auf beiden Seiten leiden“, sagte Azar am Dienstag in Bad Herrenalb und schloss die Frage an: „Was ist unser Ziel? Was wollen wir erreichen? Jeder, der stirbt, ist ein Verlust. Das Land ist groß genug für uns alle. Warum sollen wir uns gegenseitig töten, wenn wir alle gemeinsam leben können?“ 

„Die Christen im Heiligen Land werden immer weniger“

Im Gespräch mit Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt schilderte Bischof Azar zu Beginn des Abends die Situation der Christen in Nahost. „Die Christen im Heiligen Land werden immer weniger. Wir waren mal 15 Prozent der Bevölkerung. Heute sind wir weniger als zwei Prozent“, erzählte Azar. In Jerusalem sei die Zahl der Christen seit 1996 von über 25.000 auf 6.000 bis 7.000 geschrumpft. 
Das Leben der Christen im Heiligen Land inmitten zweier großer Religionen sei sehr, sehr schwierig. In Bethlehem und Jerusalem seien die Menschen von den Touristen abhängig. „Seit mehr als zwei Jahren kommen aber kaum noch Pilger ins Heilige Land. Die Menschen, die als Busfahrer oder Hotelangestellter gearbeitet haben, sitzen zu Hause. Sie kommen in die Kirche und bitten um Unterstützung – für Operationen, für das Schulgeld ihrer Kinder. Das sind Menschen, bei denen ich gedacht habe, die haben es gut.“

Viele Menschen denken an Auswanderung

Die Atmosphäre sei bedrückend, die Altstadt leer, die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Es gibt Kontrollpunkte, die gelben Türen, mitten auf der Straße. Wenn die geschlossen werden, ist man eingesperrt. Viele Menschen denken an Auswanderung.“ Rund 250 christliche Familien hätten Bethlehem und Rammallah bereits verlassen. Sie seien nach Australien, Kanada, in die USA oder Europa gegangen. „Das sind mehr als 1400 Menschen.“

„Wir wollen spüren, dass wir zueinander gehören“

Das Schwierigste zu Beginn des Krieges sei das Gefühl gewesen, allein gelassen worden zu sein, erzählte Azar im folgenden Podiumsgespräch mit Landesbischöfin Springhart und Weihbischof Birkhofer. „In den ersten Wochen hat keiner nach uns gefragt. Was uns miteinander verbindet, ist nicht die Politik, sondern Christus. Ich wollte, dass diese Verbindung aufrecht erhalten bleibt. Dass die Politik uns als Christen nicht auseinanderbringt. Das ist für uns wichtig, weil wir eine Minderheit sind im Heiligen Land.“ Umso wichtiger sei der Besuch der badischen Landesbischöfin Heike Springhart Anfang des Jahres im Heiligen Land gewesen. „Ihr könnt euch die Freude nicht vorstellen zu erkennen, wir sind doch nicht allein. Wir wollen kein Geld, keine Unterstützung haben, aber wir wollen spüren, dass wir zueinander gehören“, betonte Azar.

Birkhofer wirbt für gemeinsame christliche Stimme für  Völkerrechte 

Herbsttagung der Landessynode
 Beim Themenabend zum Dialogweg Israel-Palästina: Oberkirchenrat Wolfgang Schmidt, Weihbischof Peter Birkhofer, Bischof Sani Ibrahim Azar, Landesbischöfin Heike Springhart, Synodalpräsident Axel Wermke (v.li)

Quelle: ekiba / Ulli Naefken - eingebettet von www.ekiba.de

Weihbischof Peter Birkhofer unterstrich: „Unser gemeinsames Engagement als Christen muss es sein, für die Religionsfreiheit und für die Menschenwürde einzutreten.“ Gerade dann, wenn das Völkerrecht auf dem Spiel stehe. Zugleich sicherte Birkhofer, der am Wochenende gemeinsam mit Landesbischöfin Springhart im südfranzösischen Gurs an der Gedenkveranstaltung an die deportierten badischen Jüdinnen und Juden teilgenommen hat, die Solidarität mit dem jüdischen Volk zu. „Das nimmt uns aber nicht aus der Pflicht, Unrecht zu benennen. Mein Anliegen ist es, dass wir als Christen die Stimme im engen Schulterschluss für die Völkerrechte, für die Würde eines jeden über die Grenzen hinweg erheben.“

Springhart mahnt, die Situation der Christen im Heiligen Land und der jüdischen Gemeinden in Baden im Blick zu halten 

Landesbischöfin Heike Springhart betonte, dass es gelte, die Situation der Christen im Heiligen Land und der jüdischen Gemeinden in Baden im Blick zu halten. „Die letzten beiden Tage standen im Fokus des Gedenkens an die badischen Jüdinnen und Juden, die nach Gurs deportiert worden sind. Am Rande hatten wir sehr nachdenkliche Gespräche darüber, wie Frieden werden kann im Nahen Osten und der Blick auf die Menschlichkeit gelenkt wird“, sagte Springhart und fügte hinzu: „Ich erlebe schon, dass man darum kämpfen muss, deutlich zu machen, dass Kritik an der israelischen Regierung kein Antisemitismus ist. Das ist eine Herausforderung. Was wir aber auch nicht leugnen können, ist, dass wir in Deutschland einen steigenden Antisemitismus haben.“ 

Kirchen können Orte bieten, an denen Menschen ins Gespräch kommen

Kirchen haben die Chance, dritte Orte zu bieten, wo Menschen vielleicht miteinander ins Gespräch kommen, die sonst nicht ins Gespräch kommen. „Wir haben nicht die Lösung. Es geht darum zu hören, bevor wir urteilen und verurteilen – und uns anmaßen, wir wüssten besser, was jetzt zu tun ist. Das ist für mich eine spirituelle Haltung. Dafür brauchen wir Begegnung, dafür brauchen wir das Gespräch“, sagte Springhart.
 
Mit diesen unterschiedlichen Eindrücken im Gepäck forderte Synodalpräsident Axel Wermke das Plenum am Ende des Abends dazu auf, nach draußen zu wirken. „Wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe. Nicht nur im Gebet zu bleiben mit den Brüdern und Schwestern, sondern auch unseren Mund aufzumachen.“
 
  

Stefan Herholz

Pressesprecher / Bereichsleitung Presse und Öffentlichkeitsarbeit